Ursachen für ein gestörtes(!) Selbstwertgefühl
– Teil 1 von 2

baum

Der Mensch kommt weder mit einem schlechten noch einem guten Selbstwertgefühl auf die Welt. Zum Zeitpunkt seiner Geburt ist er weitgehend ein unbeschriebenes Blatt. Sein Selbst und das Gefühl bezüglich seines Wertes wird sich in den nächsten Jahren entwickeln und während des gesamten Lebens mehr oder weniger stark verändern.

Was ist beim Gestörten gestört?

Das Wort „gestört“ ist mit großer Vorsicht zu verwenden. Unter dem Satz „Der Typ ist doch gestört.“ verstehen die meisten ungefähr dies: „Der spinnt doch. Der ist verrückt. Der ist psychisch krank.“ Die Reaktion ist dann die, dass man sich vom „Gestörten“ fern hält und ihm ggf. spüren lässt, dass man ihm die Schuld an der eigenen „Gestörtheit“ gibt. Hieraus folgt leicht eine weitere „Störung“.

„Störung“ im eigentlichen Sinne beschreibt die widrigen Umstände und nicht die Person. – Aus einer gesunden Eichel wächst unter ungünstigen Umweltbedingungen eine kränkliche Eiche. Ein gestörtes Funksignal kommt beim Empfänger entstellt an. Wer beim Arbeiten immer wieder gestört wird, leistet weniger, als er eigentlich könnte.

Diese Vorüberlegungen sollen dazu führen, dass ein schlechtes Selbstwertgefühl als Folge von etwas verstanden wird. Die betroffene Person soll so zum ersten entlastet werden, denn schließlich ist sie für das Leben, in das sie hineingeboren wurde anfangs nicht verantwortlich. Zum zweiten soll sie die Möglichkeit erhalten, aus der Opferrolle herauszutreten und nach Kräften Verantwortung für sich selbst zu übernehmen. Im Coaching zur Selbstwertgefühl-Stärkung begleite und unterstütze ich meine Klienten auf diesem Weg.

Im Artikel Mein Verständnis von „Selbstwertgefühl“ habe ich ein Modell vorgestellt, in dem der Mensch aus Kern und Manifestation besteht. Der Kern beinhaltet den absoluten Wert und die Würde des Menschen. Die ihn umhüllende Manifestation beinhaltet u.a. Körper, Denken und Fühlen (auch fühlen des Selbstwertes!). Sie ist weich und wandelbar. Das gilt in besonderem Maße für die ersten Lebensjahre. Bezogen auf das Thema Selbstwertgefühl bedeutet das, dass frühkindliche Erfahrungen für eine gesunde Entwicklung besonders prägend sind.

Bedürfnisse und Enttäuschungen

Wenn das Selbstwertgefühl schwach und unsicher ist, können wir davon ausgehen, dass während wichtiger Entwicklungsphasen existenzielle Bedürfnisse (Grundbedürfnisse) nicht befriedigt bzw. frustriert wurden. Als Annäherung an die Ursachen für ein schlechtes Selbstwertgefühl helfen die folgenden Fragen:

  • Welches sind die Umstände und Einflüsse, denen das entstehende Selbstwertgefühl in Kindheit und Jugend ausgesetzt war?
  • Welchen existenziellen Mangel hat der oder die Betroffene erlitten?
  • Welche Enttäuschungen, Beleidigungen, Demütigungen und Verletzungen hat er oder sie erfahren?
  • Welchen moralischen Widersprüchen und Wertekonflikten war sie oder er als Kind ausgesetzt?
  • Auf welchem Nährboden und in welchem Klima hat sich das Selbstwertgefühl entwickelt?
  • Wie viel Wertschätzung hat das Kleinkind, das Kind und der/die Jugendliche erfahren? Wie viel Vertrauen wurde ihm/ihr geschenkt?
  • An welche Bedingungen war die elterliche Liebe und Unterstützung geknüpft?

Wenn wir uns mit einzelnen Biographien genauer befassen, dann stellen wir schnell fest, dass es – verkürzt gesagt – sowohl Menschen gibt, die eine „schwere Kindheit“ hatten und trotzdem glückliche Erwachsene wurden, als auch solche, die eine „glückliche Kindheit“ erleben durften und als Erwachsene mit einem schlechten Selbstwertgefühl zu kämpfen haben. Da es in diesem Artikel um Störungen und Ursachen für ein schlechtes Selbstwertgefühl geht, ist zweierlei zu untersuchen:

  1. Warum werden nicht aus allen Kinder mit einer glücklichen Kindheit glückliche Erwachsene? - Haben sie vielleicht doch einen Mangel erlitten?
  2. Welche „unglücklichen“ Umstände schwächen das Selbstwertgefühl?

Im Artikel – Möglichkeiten das Selbstwertgefühl zu stärken – werde ich unter anderem untersuchen, wie es kommt, dass gewisse Menschen trotz scheinbar ungünstiger Voraussetzungen ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln. Außerdem werde ich zeigen, wie es gelingen kann, ein verletztes Selbstwertgefühl zu heilen und zu stärken. Im zweiten Teil dieses Artikels gehe ich aber zunächst auf typische Auslösungsmuster für ein schlechtes Selbstwertgefühl ein.

Zum zweiten Teil dieses Artikels:
Ursachen für ein gestörtes(!) Selbstwertgefühl– Teil 2 von 2
Wurzeln in Familie und Kindheit

Bereits zum Thema erschienen: