Gut gefragt ist gut gecoacht

Wie löse ich mein Problem? Gute Frage!

Entscheidungsprozesse begleiten und kreativ neue Lösungswege aufspüren – diese Leistung erbringe ich als Coach täglich. Wie aber findet man immer wieder Lösungen für schier unlösbare Probleme? Wie trifft man eine gute Entscheidung, wenn die Situation ausweglos erscheint? – Ein mächtiges Werkzeug ist der gekonnte und bewusste Umgang mit den beiden wichtigsten Frageformen: Entscheidungsfragen und Ergänzungsfragen.

Im Idealfall finden wir die richtige Antwort oder optimale Entscheidung, ohne zu merken, dass da zunächst eine Frage im Raum stand. Wir entscheiden und antworten meistens blitzschnell und intuitiv. Bei der Bewältigung routinemäßiger Aufgaben lassen wir uns durch unsere Erfahrung und unser Bauchgefühl leiten. Das ist sehr effizient. So kommen wir ohne Kopfschmerzen durch den Alltag. – Wenn aber die Aufgaben und Entscheidungen, vor denen wir stehen, den Rahmen des Alltäglichen sprengen oder unseren Erfahrungshorizont übersteigen, dann müssen wir aktiv werden und bewusst Lösungswege einschlagen oder Prioritäten setzen.

Die richtige Frage – ist oft schon die halbe Antwort

Was will ich?

Nachdem ich einen ersten Überblick über die zu lösende Problematik erhalten habe, fordere ich meine Klienten bisweilen auf, eine bzw. die zentrale Frage zu formulieren. Das mag banal klingen, ist aber oft ziemlich schwierig und erst nach mehreren Anläufen möglich. – Warum lohnt es sich, sorgfältig nach der zentralen Frage zu suchen? Ist das nicht ein Schritt zurück, wo man doch endlich vorankommen will?

Es ist erst dann sinnvoll, sich auf die Suche nach guten Antworten zu machen, wenn man die Frage genau kennt. Ob man eine Frage aber genau kennt, stellt man am besten fest, indem man versucht, sie präzise zu formulieren. Im Formulieren der Frage nähern wir uns dem Kern des Problems. Wir finden heraus, welche Aspekte wichtig sind und mit hoher Priorität behandelt werden müssen. Außerdem erkennen wir die Nebenschauplätze, die zunächst zu Gunsten einer Fokussierung auf das Wesentliche ausgeblendet werden sollten.

Indem wir fragen, treten wir nicht nur in Dialog mit Gesprächspartnern, von denen wir uns eine Antwort wünschen. Durch unsere Fragen versuchen wir, uns selbst, unsere Probleme, unser Leben und unsere Umwelt zu begreifen. Es ist daher zunächst von großer Bedeutung, ob und in welchen Bereichen wir überhaupt Fragen stellen und in Dialog mit uns und der Welt treten. Darüber hinaus spielt die Art und Weise, in der wir unsere Fragen formulieren eine wichtige Rolle. Sie beeinflusst unmittelbar sowohl unsere Gesprächspartner als auch uns selbst und unser jeweiliges Weltbild.

Entscheidungsfragen

Entscheidung treffen

Entscheidungsfragen, auch ja/nein-Fragen genannt, genießen bei Therapeuten und Coaches kein gutes Ansehen. Die Kritik an dieser Frageform ist zum größten Teil berechtigt, denn ja/nein-Fragen engen den Befragten ein. Wer sich bei seiner Antwort zwischen ja oder nein, rein oder raus, links oder rechts entscheiden muss, wird in eine Lage gedrängt, in der er Gefahr läuft, einen von zwei großen Fehlern zu machen:

  1. Die Gefahr der Schwarz-Weiß-Malerei: Zwischentöne werden ausgeblendet. Denkverbote verhindern die kreative Suche nach alternativen Antworten. Problemstellungen, die weder mit ja noch mit nein befriedigend beantwortet werden können, gewinnen zu Unrecht den Anschein der Unlösbarkeit. Der Befragte ist frustriert und demotiviert. Er kapituliert und hört auf, selbständig zu denken.
  2. Die Gefahr der Unehrlichkeit: Die Wahrheit liegt oft dazwischen. Wer sich aber trotzdem für ja oder nein entscheiden muss, wird zur Ungenauigkeit oder gar Unehrlichkeit sich selbst und seinem Gesprächspartner gegenüber verleitet. Die Frage: „Haben Sie mich verstanden?“ beantwortet man viel leichter mit ja als mit nein. Und auf: „Haben Sie noch Fragen?“ reagiert man im Zweifelsfall oder sicherheitshalber mit nein. Es ist nun aber offensichtlich, dass eine ehrliche Antwort, dem anderen und sich selbst gegenüber, längerfristig eine fruchtbarere Entwicklung ermöglichen würde.

Nun habe ich gesagt, dass die Kritik an ja/nein-Fragen in meinen Augen nur teilweise gerechtfertigt ist. Es gibt durchaus Situationen, in denen es unerlässlich ist, eindeutig Position zu beziehen und sich zu 100 % für oder gegen etwas zu entscheiden. Das ist z.B. der Fall, wenn man sich ein besonderes Ziel gesteckt hat, dass man nur mit Ausdauer und harter Arbeit erreichen kann. Derartige Ziele verlangen, dass man sich eindeutig zu ihnen bekennt und nicht dann, wenn der Weg steinig wird, leichtfertig beginnt nach Alternativen zu schielen. – Entscheidungsfragen zu formulieren und wohl überlegt zu beantworten, ist immer dann wertvoll, wenn Klarheit, Beharrlichkeit und Verlässlichkeit wichtig sind. Wenn aber Vielfalt, Beweglichkeit und Kreativität gewünscht werden, dann muss man sich und seinem Gegenüber unbedingt Ergänzungsfragen stellen.

Ergänzungsfragen

Was darf ich Ihnen anbieten?

Ergänzungsfragen, auch w-Fragen genannt, werden im Deutschen durch Fragewörter wie z.B. wer, was, welche, wie usw. eingeleitet. Um sie zu beantworten, reicht es nicht, sich zwischen zwei Alternativen zu entscheiden. Wer sich oder anderen eine Ergänzungsfrage stellt, zeigt sich offen für neue, also ihm bisher unbekannte Gedanken. – Das können Ergänzungsfragen leisten:

  • Sie bauen Brücken und lassen auch ungefähre bzw. unvollständige Antworten zu. Wenn wir an Stelle von „Haben Sie Ihr Problem seit unserem letzten Treffen lösen können?“ fragen „Welche Lösungsansätze konnten Sie seit unserem letzten Treffen verfolgen?“, dann schaffen wir eine motivierende Grundstimmung. Wir zeigen, dass wir am persönlichen Einsatz und an den Leistungen unseres Gesprächspartners interessiert sind.
  • Sie fordern zum Weiterdenken auf. Um eine Ergänzungsfrage zu beantworten, reicht es nicht aus, nach einem von zwei hingehaltenen Brocken zu schnappen. Durch diese Frageform wird der Blick in eine bestimmte Richtung bzw. auf ein weites Möglichkeitspanorama gelenkt. Im Gegensatz zu Entscheidungsfragen signalisieren Ergänzungsfragen Offenheit für Neues.
  • Sie bekunden Interesse für Zusammenhänge und Hintergründe. So wird der Blick nicht nur auf Fakten und Ergebnisse gerichtet, wie das bei Entscheidungsfragen leicht der Fall ist.

Erforschen wir uns selbst und unsere Umwelt, indem wir Ergänzungsfragen stellen, dann schulen wir unsere Wahrnehmung darin, immer wacher für Zwischentöne, für Zusammenhänge, für Prozesse und für neue Ideen zu werden. Auf diese Weise schaffen wir beste Voraussetzungen für kreatives und lösungsorientiertes Denken, bei uns und bei unseren Gesprächspartnern. – Und wenn wir den Eindruck gewinnen, vor lauter Zwischentönen und Querverbindungen keine klare Linie mehr zu sehen, dann haben wir stets die Freiheit, mit ein paar prägnant platzierten Entscheidungsfragen Ergebnisse zu fixieren oder Weichen zu stellen.

Existenzanalyse und die Sinnfrage

Welchen Sinn hat eigentlich das Leben?

Welchen Sinn hat eigentlich das Leben, wo doch die menschliche Existenz durch Leid und Schuld geprägt ist und am Ende der Tod steht? – Dieser Frage stellt sich die existenzanalytische Anthropologie. Der Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie, der Neurologe und Psychiater Viktor Frankl, dreht den Spieß um. Er erklärt, dass die Frage nach dem Sinn des Lebens vom Leben selbst gestellt wird und dass der Mensch derjenige ist, der – speziell im Leiden – dazu aufgerufen ist, durch seine Haltung eine gute Antwort zu geben. Frankl fordert dazu auf, der Frage nach dem Sinn des Lebens eine „kopernikanische Wendung“ zu geben. Er schreibt:

„Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu verantworten hat. Die Antworten aber, die der Mensch gibt, können nur konkrete Antworten auf konkrete »Lebensfragen« sein. In der Verantwortung des Daseins erfolgt ihre Beantwortung, in der Existenz selbst »vollzieht« der Mensch das Beantworten ihrer eigenen Fragen.“ *

Wer sich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens bzw. nach Sinn im Leben befasst, tut gut daran, bewusst zwischen Entscheidungs- und Ergänzungsfragen zu unterscheiden.

  1. Entscheidungsfrage: „Hat das Leben einen Sinn?“ – Diese Frage können wir in letzter Instanz nicht beantworten. Das gilt zumindest, wenn wir sie als Frage nach dem objektiven Sinn des Lebens interpretieren. Sie übersteigt dann unseren Horizont. Die Antwort des einzelnen ist vom jeweiligen Glauben oder Nicht-Glauben abhängig.
  2. Ergänzungsfrage: „Welchen Sinn hat das Leben?“ – Diese Frage ist vergleichsweise offen für eine subjektive, situationsbezogene Lesart, in der wir nicht nach dem Sinn des Lebens, sondern nach Sinnmöglichkeiten im Leben suchen. Wer also auf die Entscheidungsfrage nach dem Sinn des Lebens keine positive Antwort zu geben vermag, der profitiert, wenn es ihm gelingt, trotzdem die eine oder andere Sinnmöglichkeit im Leben zu finden.

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Welche Gedanken gehen Ihnen jetzt durch den Kopf? – Ich würde mich freuen, Ihre Meinung kennenzulernen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen.

* Viktor E. Frankl: Logotherapie und Existenzanalyse, Texte aus sechs Jahrzehnten, Psychologie Verlags Union, Weinheim 1998, S. 141