Walk & Talk Coaching mit Goethe

Ary Scheffer Faust in seiner Studierstube 1831

Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land! Der dreifache Ausruf in einer Zeile des nächtlichen Faustmonologes sprach mir, als ich den Text zu Teenager-Zeiten las aus der Seele.

Flieh! – Da ist etwas, wogegen anzukämpfen aussichtslos wäre. Nur Ausbruch und Flucht können dich retten.

Auf! – Wach auf! Raff dich auf! Mach dich auf! Nimm dein Leben in die Hand. Fälle deine Entscheidungen und übernimm Verantwortung für deine Schritte.

Hinaus ins weite Land! – Mache von deiner Freiheit Gebrauch. Begib dich in die Natur, wo Luft und Licht im Überfluss vorhanden sind und wo du mit allen Sinnen Bestätigung dafür empfängst, dass du lebst.

Das ist sinngemäß der Appell, den ich aus der Goethe-Zeile zu lesen meinte. Und auch noch heute klingen mir diese Worte am inneren Ohr, wenn ich mich nach längerem Sitzen am Schreibtisch aufmache, um spazieren zu gehen oder zu joggen.

Der Reiz und Ruf der Welt da draußen wird um so eindringlicher je dicker die Mauern sind, die uns umgeben. Und so erhält auch das faustische „Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land! seine besondere Strahlkraft durch die Beschreibung der staubigen Studierstube, die Goethe dem Freiheitsruf voranstellt. Aber lesen und erinnern Sie sich selbst:

Weh! steck ich in dem Kerker noch?
Verfluchtes dumpfes Mauerloch,
Wo selbst das liebe Himmelslicht
Trüb durch gemalte Scheiben bricht!
Beschränkt mit diesem Bücherhauf,
den Würme nagen, Staub bedeckt,
Den bis ans hohe Gewölb hinauf
Ein angeraucht Papier umsteckt;
Mit Gläsern, Büchsen rings umstellt,
Mit Instrumenten vollgepfropft,
Urväter Hausrat drein gestopft-
Das ist deine Welt! das heißt eine Welt!

Und fragst du noch, warum dein Herz
Sich bang in deinem Busen klemmt?
Warum ein unerklärter Schmerz
Dir alle Lebensregung hemmt?
Statt der lebendigen Natur,
Da Gott die Menschen schuf hinein,
Umgibt in Rauch und Moder nur
Dich Tiergeripp’ und Totenbein.

Flieh! Auf! Hinaus ins weite Land!
Und dies geheimnisvolle Buch,
Von Nostradamus’ eigner Hand,
Ist dir es nicht Geleit genug?

* Faust in seiner Studierstube, Ary Scheffer 1831 Bildquelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Ary_Scheffer_Faust_in_seiner_Studierstube_1831.jpg?uselang=de